Vita | Bücher | Medien
blind_gif

 

Der Niederbayer an sich

Eine kleine Erfolgsgeschichte aus dem Hinterland

Der Huber Erwin ist in Reisbach geboren, dort lebt er mit der Familie heute noch. In erster Linie ist er Niederbayer. Im Nebenberuf ist er CSU-Vorsitzender. Wenn der Huber Erwin den Mund aufmacht, erkennt man sofort, wo er zu Hause ist. Im Hochdeutschen eindeutig nicht. Hörbar wird das besonders in Interviews, in denen der Huber zur großen rhetorischen Geste ansetzen will. Die ersten Sekunden geht das gut. Dann verlässt er die Ebene der gestanzten Politfloskeln, verzieht das Gesicht und man merkt, wie er nach den richtigen Begriffen fahndet. Wie jemand, der eine Fremdsprache noch nicht so gut beherrscht und im Kopf die Sätze vorübersetzt. Der Huber Erwin zieht dann ein breites Grinsen auf und verhöhnt mit spitzbübischem Gesichtsausdruck die fremde Ausdrucksweise. Rutscht’s mir doch an Buckel runter, schwingt es zwischen den Sätzen mit.

Der Django Asül, der auf dem Münchner Nockerberg einmal eine große kabarettistische Rede halten durfte, arbeitet sich in seinen Programmen schon seit Jahren an der niederbayerischen Art ab. Sein Fazit: »Wie der Niederbayer seine Kultur genau definiert, darüber hat er sich nie theoretische Gedanken gemacht. Der Niederbayer ist einfach nur so, wie er ist. Und das ist gut so.« Nicht ganz, möchte man einwerfen. Denn jede Volksgruppe hat ein Recht, seine kulturelle Codierung zu erfahren. Schließlich möchte man doch wissen, woher man kommt und was da noch alles im Innern schlummert.

Ich bin zum Beispiel 1960 in Landshut geboren. Meine Sippe waren Metzger und Gastwirte in der westliche Peripherie von LA. Die Großeltern führten ein Gasthaus in Münchsdorf. Das Prinzip war einfach: Am Montag wurde das Bier geliefert. Am Freitag fuhr die Oma nach Landshut zum Reichardtbräu zum Bezahlen. Wenn das Geld nicht reichte, musste mein Vater gelegentlich zu Verwandten nach Vatersdorf radeln und Geld leihen. Zurück bekamen es jene immer, denn kein Niederbayer will auf Dauer etwas schuldig bleiben. Meine Mutter kam mit ihrer Familie in einem Flüchtlingstreck aus dem früheren Sudetendeutschland. Die »Vertriebenen« wurden auf die Dörfer verteilt. Demografisch gesehen war diese Blutauffrischung ein evolutionärer Fortschritt in einer Region, in der arrangierte Ehen zum Alltag gehörten und das Wort Inzucht dunkle Schneisen in das normale Landleben fräste.

Für den Niederbayern gibt es untereinander jedoch kein abweichendes Verhalten. Jeder darf so verrückt sein, wie er will. Das war schon in meinen Kinderjahren so. Der Steinmeier Toni etwa, ein Kleinbauer, der oft um 6 Uhr morgens an der Tür zur Gastschenke klopfte und um Einlass bettelte. Ein Alkoholiker, aber wir Kinder lachten, wenn er uns aus seinem Maßkrug nippen ließ. Oder der Stadler Sepp, ein verwandter Metzger in Altfraunhofen, der immer sturzbesoffen, dafür aber nur rückwärts mit seinem VW Käfer nach Hause fuhr. Oder der Bauunternehmer Aigner, der mit zehn Stundenkilometer einen Baum rammte und im Auto einschlief, bevor ihn der Dorfpolizist persönlich nach Hause fuhr. Mag alles ganz heimelig klingen, war es natürlich nicht. Denn das massive Alkoholproblem der Bauern und Knechte zerstörte ganze Familien, und die Schlägereien so manches wohlgeformte Gesicht. Die Herrenbauern regierten in Gutsherrenart das Land.

Ein paar Jahre vor meiner Geburt wurde Landshut Regierungssitz. Ein einschneidendes Ereignis für die Stadt. Denn wirtschaftlich mutierte die Isarstadt jetzt zur Beamtenstadt. Auf die Bürokraten war Verlass. Mit dem standardbiografischen Dreisprung Eigenheim, Mittelklassewagen und Rente konnten sie ihren Wohlstand auf Jahrzehnte vorausberechnen. Eine gute Kundschaft, hat man damals gesagt, die einem lebenslang die Treue hält. Die kleinen Ladengeschäfte in der Altstadt begannen zu florieren. Mein Vater machte eine Kaufmannslehre beim Oberpaur – den gibt es heute noch. Und meine Mutter arbeitete bei der Regierung. Gute Jobs sorgten für den Glauben an die Zukunft. Bei uns entsprangen drei Kinder dieser Zuversicht. Eine Zuversicht, die sich sicher sein konnte, dass es bergauf gehen würde. Denn wer ganz unten anfängt, den erwartet wirtschaftlich eine längere Erfolgskurve als anderswo. Noch Anfang der 70er wurden Teile Niederbayerns im UN-Entwicklungsbericht als Entwicklungshilferegionen eingestuft.

Der Niederbayer lässt sich heute von seiner Grundprogrammierung nur aus dieser Vergangenheit verstehen. Denn das Wertemuster, das vererbt wird, hat sich wenig verändert. Aus ihm zieht der Niederbayer seinen Lebensnektar, der ihn auch wirtschaftlich speist.

1. Jedem sein Haus.
Der höchste Wert im Leben eines Niederbayern ist sein Haus. Und wenn er zur Tat schreitet, kann er sich auf das verlassen, was man in der Neuen Ökonomie gegenseitige Hilfe nennt. »Alle Onkel, die Maurer schreiben können, sind zur Stelle.« Am Feierabend und an Wochenenden sieht man sie auf den Rohbaustellen herumturnen. Eine Art private Schattenökonomie, die meist ohne jeden geldwerten Vorteil für die beteiligten Akteure abläuft. Hilfst Du mir, dann helfe ich Dir! Und da sich fast jeder ein Haus baut, ist jeder mindestens einmal mit Helfen dran.

Kein Wunder, wenn in dieser Region das Baugewerbe der größte Verlierer an Beschäftigten ist. Wer braucht schon den teueren Fachmann, wenn er es selber machen kann. Handwerkliches Geschick ist hoch angesehen in dieser Region. Deshalb blüht auch das Handwerk wie nirgendwo in Deutschland. Fast die Hälfte aller Jugendlicher wird Azubi und lernt was für’s Leben. Kein Wunder, dass die meisten Jugendlichen in die Hauptschule gehen. Selbstbewusst stellt die Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz fest: »In Ostbayern erwirtschaftet das Handwerk mit rund 33.700 Betrieben 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und hat einen Anteil von 17 Prozent an den Erwerbstätigen.« Das liegt deutlich über dem Bundesdurchschnitt.

Je nachdem, von welcher Seite beim Hausbau der Grund und Boden kommt, ergibt sich eine komplexe Beziehung zu den Schwiegereltern. Man will sich als würdig erweisen. Oder anders gesagt: Wer einheiratet, muss beim Hausbau beweisen, was in ihm steckt. Was bisweilen zu ernsthaften Ehekrisen führt, wenn der oder die Auserwählte nicht den nötigen Biss zeigt. So mancher ist da schon über sich hinausgewachsen. Am Ende des Tages fallen dann Sätze wie: »Ich habe hier jeden Stein mindestens zweimal umgedreht.« Ein Ausdruck des persönlichen Fleißes, mit dem man dem Rest der Welt seine Tauglichkeit unter Beweis zu stellen versucht.

Auf dem Land ist es übrigens üblich, dass der Grund und Boden für die Kinder parzelliert wird. Deshalb entstehen neben dem Elternhaus oft die Neubauten der Kinder. In Landshut, wo die Grundstückspreise teuerer sind, gibt es ein weiteres Phänomen zu bestaunen. In den Neubausiedlungen, wo der Rechteck-Charme der Doppel- und Reihenhäuser regiert, siedeln sich überwiegend Gleichaltrige mit nahezu identischen Familien- und Lebensentwürfen an.

2. Hauptsache Arbeit und fleißig.
Und darin spielt die Arbeit eine entscheidende Rolle. Ein junger Steuerberater aus Landshut umschreibt das so: »Etwas schaffen und es erhalten. Das nimmt man auf sich und zieht es durch.« Meine Mutter und meine Oma sind die Inkarnation des niederbayerischen Pflichtgefühls, ein Leben lang fleißig zu arbeiten und nicht viel Aufhebens davon zu machen. "Nicht reden, einfach tun" (in der bayerischen Übersetzung: "Net so vui red'n, sondern mehra doa!") ist der kategorische Imperativ des Niederbayern. Man arbeitet grundsätzlich mehr, als darüber zu reden. Ein Onkel hat mir mal die wegweisenden Sätze gesagt: »Ich bin mit der Arbeit aufgewachsen. Ich kenne das gar nicht anders. Was getan werden muss, muss getan werden." (In der Dialektübersetzung: "Wos do wern muas, muas do wern.") In diesem lebensweltlichen Mantra wiegt sich der Niederbayer zeitlebens hin und her.

Dabei ist ihm nicht so sehr die Art der Arbeit wichtig, sondern nur, dass er Arbeit hat. Geringer qualifizierte Jobs erträgt der Niederbayer mit stoischer Gelassenheit. Man leidet nicht darunter. Wenn man früh um 6 Uhr mit dem Pendlerzug von Landshut nach München fährt und wieder keinen Sitzplatz ergattert hat. Oder wenn man am Flughafen München im Schichtdienst monoton Schranken rauf und runter bewegt.

Es ist nicht selten, dass der g’standene Niederbayer mehrere Jobs hat. So gelten Nebenerwerbslandwirte am Flughafen München als solide und zuverlässige Schichtarbeiter beim »Rausreißen« und »Hineinschlichten« der Koffer in die Flugzeuge. Oder wenn im Winter Schneechaos herrscht, funktionieren Dutzende von Bauern ihre Traktoren zu Schneepflügen um und räumen die Start- und Landebahnen frei. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Die Arbeit in der Landwirtschaft reicht vielerorts nicht mehr für den Lebensunterhalt aus, deshalb macht man sich andernorts nützlich. Wichtig ist vor allem, dass »ein Geld« reinkommt. Allein im Landshuter Raum ist die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in den letzten zehn Jahren um ein Drittel zurückgegangen.

Es überrascht keineswegs, dass der Landkreis Landshut mit 3,7 Prozent eine extrem niedrige Arbeitslosenquote aufweist. Der gute Wert ist aber nicht nur den großen Arbeitgebern wie BMW geschuldet. Hinzu kommt auch eine sehr grundsätzliche Abneigung, in irgendeiner Arbeitslosenstatistik aufzutauchen. Arbeitslos sein ist das Stigma, das es unter allen Umständen zu vermeiden gilt. Und wenn es bloß irgendwo ein bisschen Arbeit ist, der man nachgeht. Da passt auch eine andere Zahl gut dazu. In Landshut und Passau gibt es deutlich mehr Unternehmensgründungen als im Bundesdurchschnitt. Wobei aber die Zahl der Insolvenzen doppelt so hoch ist als im Rest von Bayern. Wo viel gewagt wird, scheitern auch mehr Menschen als anderswo.

3. Ein Leben lang im Hier und Niederbayern.
So wie der Huber Erwin immer noch in seinem Geburtsort wohnt, gibt es nur ganz wenige Eingeborene, die ihr geliebtes hügeliges Waldland verlassen und in die Ferne ziehen. Der Niederbayer fühlt sich einfach wohl. Ohne Gewissensbisse. Dahoam is dahoam, lautet der Titel einer zur Zeit überaus erfolgreichen Daily Soap im Bayerischen Fernsehen. Die Serie spielt zwar nicht ausdrücklich in Niederbayern, stellt aber diese abgöttische Heimatliebe in den Mittelpunkt bayerischer Lebensart. Verwurzelt und bodenständig – so antwortet fast jeder Niederbayer, wenn er nach seiner Grundprägung gefragt wird. Ein arbeitsloser Akademiker meinte sogar: »Lieber beiße ich die Zähne zusammen und bleibe hier.« Kein Wunder also, wenn Landshut in der Wanderungsstatistik jedes Jahr einen positiven Saldo aufweist und dadurch auch die Bevölkerungszahl stetig wächst.

Wenn der Niederbayer dann doch mal weg muss, schafft er es höchstens bis nach München. »Das ist aber weit weg und ganz anders.« Dort erfüllt er dann seine Pflicht und kehrt schnellstmöglich wieder zurück ins Bekannte und Überschaubare. Der Grund ist einfach: Viele Niederbayern verlieren in der Großstadt ihr Selbstbewusstsein. Sie kommen sich fehl am Platz vor. Dann reden sie wenig und hören nur zu. Der Huber Erwin ist auch in dieser Hinsicht ein leuchtendes Beispiel. Authentisch kann der Niederbayer nämlich nur sein, wenn er seine kulturelle und persönliche Basisprogrammierung – oder einfacher ausgedrückt: seine Herkunft – nicht verleugnen muss.

Das Problem ist nur: Wer aus Niederbayern ausbrechen will, wird in der Fremde oft wenig glücklich. Denn er ist kulturell wenig anpassungsfähig. Dann treibt es ihn zurück in die traurige Heimat, auch wenn die alles dominierende Troika Arbeit – Familie – CSU (früher: Kirche) für ihn kaum auszuhalten ist. Es gibt sie eben auch, die Minderheit, die an dieser kulturellen Identitätsenge leidet. Emigration hilft nicht, Anpassung geht nicht. Dann lebt man einfach mit der Mehrheit mit, ohne ihr je angehören zu wollen. Die Schattenseite niederbayerischer Idylle!

4. Der bauernschlaue Homo Oeconomicus oder Zeit zum Leben
Sagen wir mal so: Der Niederbayer macht gerne gute Geschäfte, ohne den anderen über den Tisch zu ziehen. Nicht um jeden Preis. Das ist verpönt. Was erstens mit seinem Verständnis von Wohlstand und zweitens mit seiner Bauernschläue zusammenhängt. Doch alles der Reihe nach.

Ganz allgemein gesprochen gibt es in Deutschland drei Typen von Wohlstandsbürger. Der begüterte Steinreich verfrühstückt als Wohlhabender sein Vermögen oder das seiner Vorfahren, möglichst ohne oder nur wenig zu arbeiten, ganz nach dem Motto: Nach mir die Sinnflut. Der behütete Gernreich frühstückt indes nur ein Butterbrot, arbeitet tapfer und hofft auf den Wohlstand über Nacht, Motto: Jede Woche Lotto. Oder er arbeitet viel und versucht, ein Steinreich zu werden. Der hysterische Wenigerreich lernt hingegen früh, sein Weniger zu stückeln, um im Alltag über die Runden zu kommen. Motto: Permanent Panik auf der Titanic.

Der Niederbayer passt nicht in dieses Schema. Er ist weder ein reinrassiger Hallodri noch ein hysterischer Jammerer. Er ist eher ein Lebensreich mit einer Mischung aus Zurückhaltung und Gelassenheit. Für ihn besteht der größte Wohlstand nämlich darin, dass er sich wohlfühlt. Und danach trachtet er den lieben, langen Tag. Der typische Dialog, wenn man sich nach dem Wohlbefinden eines anderen erkundigt, lautet: »Und?« »Scho.« »Guat.« Übersetzt könnte man sagen: »Und wie geht’s?« »Im Großen und Ganzen gut.« »Schön zu hören.« Diese Reduktion auf das Wesentliche ist auch im Geschäftsleben zu spüren. Mit einem niederbayerischen Verkäufer ist kein ausuferndes Verkaufsgespräch möglich. Es ist eher von sprödem Charme geprägt. Denn beide Seiten haben keine Lust auf den ganzen Anpreisungsfirlefanz im Geschäftsalltag.

Kurzum: Wohlstand hat für den Niederbayern weniger mit Profit um jeden Preis als mit Wohlbefinden, Wohlbehagen und Wohlergehen zu tun. Lebensqualität eben. Der Niederbayer sucht sich das Tempo, das er für richtig hält. Denn wie intensiv er lebt und arbeitet, geht nur ihn etwas an. Wohlstand ist folglich ein gelungenes, aber selbstbestimmtes Leben. Diese Autonomie ist dem Niederbayern oft mehr wert als das Lohn-Schmerzensgeld am ersten jedes Monats.

Was wiederum Folgen in Sachen Bauernschläue hat: Der Niederbayer sitzt ein gutes Geschäft zur Not auch länger aus. Er wartet, bis es passt. So ziehen sich manche Grundstücksverkäufe über Jahre hin. Sich Zeit nehmen, bevor man etwas anschafft, ist ein hoher Wert. »Des wird von alloa (alleine) billiger«, ist die schnöde Wahrheit niederbayerischer Verbraucherkultur. Schlau ist, wer Zeit hat und warten kann. Der Homo Oeconomicus in Niederbayern jedenfalls hat seine eigene Auffassung, was egomaximierendes Verhalten ist. Zeit vor Geld! Was wirtschaftlich offenbar nicht immer von Erfolg gekrönt ist: Denn die Zahl der Verbraucherinsolvenzen liegt in Landshut und Straubing mittlerweile doppelt so hoch wie im Rest von Bayern.

5. Die Sippe über alles
In Niederbayern gibt es knapp ein Drittel weniger Scheidungen als im Rest von Deutschland. Und es werden im Landkreis Landshut mehr Kinder geboren als im Bundesdurchschnitt. Zwei Tatsachen, die darauf hinweisen, was die Niederbayern zusammenschmiedet: die Familie. Soziobiologisch gesehen verhalten sich die Landshuter in dieser Frage übrigens völlig normal. Vetternwirtschaft, so der Ethnologe Christoph Antweiler, ist eine kulturelle Universalie. Sie kommt schlichtweg in allen Kulturen vor. Aber in Niederbayern eben stärker als anderswo. Man hilft sich gegenseitig in Familie und Verwandtschaft. Das steht im niederbayerischen Wertekatalog ganz oben. Ohne Ausnahme, und wenn nicht, dann nur, wenn man schon mindestens zehn Jahre kein Wort mehr miteinander gesprochen hat.

Mein Onkel Rudi zum Beispiel, der immerhin mein Taufpate ist, ist ein (mittlerweile schon pensionierter) Schlosser in Thann. Wir sehen uns eher selten, und wenn, dann ist ihm sein grundsätzliches Misstrauen gegenüber mir als Schreiberling deutlich anzumerken. Teilweise mussten ihm meine Eltern fast unter Eid bestätigen, dass ich meinen Lebensunterhalt selbst verdienen kann. Und seit er mich im Fernsehen gesehen hat, fragt er schon mal nach, wie es mir geht. Eines Tages habe ich den Rudi einfach gefragt, ob er mir eine neue Gartentüre bauen würde. Er hätte wenig Zeit als Rentner, mal sehen, war seine ausweichende Antwort. Einige Wochen später kam der Onkel Rudi eines Samstag vormittags mit dem Anhänger und brachte ein verzinktes Gartentor. »Und?« fragte er. Ich schaute ihn an. »Aber über wie es aussehen soll, haben wir doch gar nicht geredet.« »Ich bin halt herumgefahren und habe gschaut, was die Leut so haben. Dann habe ich mir einen Plan gezeichnet«, erwiderte er. Das hatte natürlich eine unwiderstehliche Überzeugungskraft. Daraufhin hat der Rudi die Tür mit aufwändigen Beschlägen eingebaut. Ehrensache, dass er nur das Material abgerechnet hat. Keine Widerrede.

Will sagen: Man fühlt sich in der Regel ganz gut aufgehoben in einer niederbayerischen Verwandtschaft. Ich frage mich nur, was der Onkel Rudi gesagt hätte, wenn mir die Türe nicht gefallen hätte. Wahrscheinlich hätte er umgedreht und wäre, ohne ein Wort zu sagen, mit der Türe nicht ins Haus gefallen, sondern wieder nach Hause gefahren.

Was lernen wir daraus? Die verwandtschaftliche Geborgenheit hat immer zwei Seiten: Es gibt einerseits keinen, der draußen bleiben muss. Das Problem ist andererseits: Wenn die Familie zum Käfig wird, gibt es auch kein Entrinnen. Man gehört dazu, und zwar für immer. Früher war es bei den Bauern so: Der Erstgeborene erhielt den Hof. Der Zweite sollte Priester werden. Der Dritte musste zusehen, woanders einzuheiraten. Und erst der Vierte musste einen richtigen Beruf erlernen. In dieser Hierarchie war auch das soziale Prestige festgelegt. Familie vor Kirche vor Schicksal vor Beruf. Diese Grundprogrammierung schwingt in den Köpfen der Älteren bis heute mit.

6. Der sture Hund
Wenn der Niederbayer in eine Debatte gerät, lächelt er gerne und macht dann eh, was er will. Richtig überzeugen lässt er sich nur unter akuter Gewaltandrohung. Das hat natürlich seinen Grund: Er weiß immer alles schon vorher besser. Diese Sturheit ist ihm in die Wiege gelegt. Sich dagegen wehren zu wollen, ist zwecklos. Auch in Sachen sturer Hund ist der Huber Erwin ein ganz besonderes Vorbild.

Womit wir bei einer weiteren landesprägenden Grundkonstante angelangt sind: der niederbayerischen CSU. Sie umfasst knapp 22.000 Mitglieder, rund 2.200 Kommunalpolitiker, über 150 Bürgermeister, fünf Landräte, eine Oberbürgermeisterin und zwei Oberbürgermeister, 13 Bezirksräte, 14 Landtagsabgeordnete, zwei Kabinettsmitglieder, fünf Bundestagsabgeordnete und einen Europaabgeordneten. Und weil immer so viele Auswärtige fragen, was der Erfolg der CSU sei, hier die ultimative Antwort: Die CSU ist immer dort, wo die Leute sind. Wenn also der Sepp Sowieso einen Bauantrag stellen will, kann er dies während eines vertraulichen Gesprächs mit dem nächst greifbaren CSUler erheblich beschleunigen.

Die CSU war wirtschaftlich gesehen bisher eine höchst effiziente Partei. Wirtschaft basiert ja normalerweise auf einer beiderseitigen Gewinnbeziehung. Unternehmen befriedigen die Bedürfnisse der Menschen. Die Menschen tragen zu einem profitablen Fortbestehen der Firmen bei. Unternehmen brauchen Profite, Menschen brauchen Produkte und Dienstleistungen.

Genauso tickt die CSU. Sie versucht immer, ganz nahe an den Bedürfnissen der Menschen dran zu sein. Und die können sich darauf verlassen, dass ihnen geholfen wird. Sofern man, und das ist wichtig in diesem Zusammenhang, im Werte- und Loyalitätskorridor der CSU zuhause ist. Alternative Spinner oder türkische Mitbürger haben dort keinen Platz. Die Folge: Die CSU ist nur für die Mehrheit da. Die anderen genießen eine Art stillschweigende Aufenthaltsgenehmigung. Somit ist Demokratie auch immer nur das, was die CSU darunter versteht. Was erst richtig kompliziert wird, wenn sich die CSU wie derzeit in einer Großen Koalition einordnen und flexibel in der Meinungsbildung sein muss.

Doch es muss nicht immer CSU sein, wenn es um die kollektive Bedürfnisbefriedigung geht. Wer das volksnahe Spiel am besten beherrscht, der gewinnt. Egal, und dann darf’s auch jemand von den Sozis oder Freien Wählern sein. In Passau gibt’s jetzt einen SPD-Oberbürgermeister, und selbst in Straubing ist der SPD-Kandidat im März bei den Kommunalwahlen nur knapp gescheitert. Vor kurzem wurden in Passau und Landshut erstmalig zweite und dritte Bürgermeisterposten mit ÖDPlern und Grünen besetzt. Außerdem gibt es immer wieder CSU-Abtrünnige, die bei den Freien Wählern oder mit eigenen Bürgerlisten Wahlsiege einfahren. Der Rampf Hans, der neue Oberbürgermeister in Landshut, ist so ein Bazi in den Augen der CSU.

7. Net so vui redn oder wie man mit wenig Sprache viel ausdrücken kann
Wer so wortkarg und verschlossen ist wie der Niederbayer, bleibt den anderen Volksstämmen ein immerwährendes Rätsel. Im ersten Moment wirkt das Auftreten oft grimmig und verschroben. Wer sich aber näher mit Sprache beschäftigt, weiß, dass man nicht so viel reden muss wie etwa ein Kölner, um einen bestimmten Sachverhalt auszudrücken. Nehmen wir folgenden Beispielsatz: »Da Sepp is a gstingerter Hund!« Übersetzt würde man sagen: »Der Josef ist ein Faulpelz!« Im Hochdeutschen würde man in der Folge ausführlich erklären, warum der Josef ein Faulpelz ist. In der niederbayerischen Mundart verbirgt sich das erklärende Mehr in den beiden letzten Begriffen. Man muss nichts weiter erklären. »Gstingerter« drückt die höchste Verachtung für einen Menschen aus, der nicht fleißig ist. Jemand stinkt vor Faulheit. Auf den kann man nicht zählen. Er gehört nicht zu uns. »Hund« wiederum kann zwei Bedeutungen haben. Zum einen drückt man damit seine Bewunderung aus. Jemand ist »a Hund«. Irgendwie möchte man so sein wie er. In der Kombination mit »gstingerter« verstärkt der »Hund« allerdings das Gegenteil. Bei dem Betroffenen handelt es sich um den Allerletzten.

Der niederbayerische Dialekt ist voller Codierungen dieser Art und im Normalfall nur sehr schwer erlernbar. Sprache ist eine Zone der kulturellen Selbstvergewisserung. Und in Niederbayern auch Ausdruck von starkem Selbstbewusstsein. Man fühlt sich im Dialekt heimisch und irgendwie unnahbar. Je stärker der Dialekt, desto mehr Abgrenzung wird nach außen dokumentiert. Und der Niederbayer braucht dieses Bollwerk, um möglichst unangetastet sein Leben durchzuziehen. Am Ende des Tages traut er sowieso nur sich selbst und seinesgleichen über den Weg. Mia san mia! Oder wie ein netter Witz geht: »Hallo, Sie, wissen Sie den Weg zum Postwirt?« – »I scho.«

Aus: brand eins Neuland. Das Wirtschaftsmagazin der Regionen.
»Niederbayern«, Juli 2008






line2